Erst in den letzten Jahren haben sich meine „heilsamen Geh-Erfahrungen“ weiterentwickelt zu Pilgerwegen. Mehr und mehr gewinnen die inneren Wege an Bedeutung, wenn ich auf äußeren Wegen unterwegs bin.

Die Sehnsucht, mit der eigenen Mitte und Identität wieder in Berührung zu kommen, scheinen in unserer Zeit der wachsenden Komplexität und zunehmenden Beschleunigung all unserer Lebensbereiche immer mehr Menschen in sich zu spüren.

So sehr sich die Anlässe, warum jemand aufbricht und sich zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt auf einen Weg macht auch unterscheiden mögen, lassen sich doch Gemeinsamkeiten ausmachen, die Pilgerinnen und Pilgern jenseits aller Religionsgebundenheiten hinweg gemeinsam zu sein scheinen:

  • Ein starker Wunsch, sich für eine bestimmte Zeit aus dem Gewohnten weg- und in etwas Neues, Unsicheres hineinzubegeben, lässt sich irgendwann nicht mehr überhören. Der Alltag in seiner Vertrautheit, die Sicherheit gibt, manchmal aber auch einengt und uns zunehmend leer macht, wird eingetauscht gegen „das Fremde“. Dem Pilger (lat. peregrinus) ist eine Haltung des „in der Fremde Seins“ zu eigen, eine Grundhaltung des Fragens und Suchens, des letztlich nirgendwo für immer beheimatet Seins.
  • Das Gehen als die langsamste Form der Fortbewegung führt uns zudem beim Pilgern in eine Langsamkeit, die wir in unserem stets getakteten Alltag zunehmend vermissen.  Isabella Guanzini bezeichnet uns als „Müdigkeitsgesellschaft“ … „Wir leben in einer Welt, die uns immer mehr abverlangt, um mithalten zu können. Härte und Überreiztheit sind die Folge“. Im Gehen auf langen Wegen entwickeln wir allmählich wieder unsere ganz eigenen Rhythmen, Pausen zwingen sich geradezu auf und wir erleben uns wohltuend herausgelöst aus den üblichen Alltagsgeschwindigkeiten.
  • Zu allen Zeiten haben Menschen im Gehen erfahren, dass sich durch die eigene Bewegung auch wieder „etwas in Bewegung bringen“ lässt. Scheinbar Auswegloses, Festgefahrenes kann eine neue Dynamik erfahren. „Ich habe mir meine besten Gedanken angelaufen, und ich kenne keinen Gedanken, der so schwer wäre, dass man ihn beim Gehen nicht loswürde.“ Sören Kierkegaard       
  • Dazu gesellt sich bei Pilgerinnen und Pilgern oft ein wachsender Wunsch nach Vereinfachung des Lebens. „Wie zahlreich sind doch die Dinge, derer ich nicht bedarf“ stellte schon Sokrates (griechischer Philosoph, 469-399 v. Chr.) fest.  Größe und Gewicht unseres Rucksackes, den wir auf dem Rücken mit uns tragen, bedingen automatisch ein radikales Reduzieren auf tatsächlich Notwendiges. Die Frage, was wir wirklich brauchen im Leben, geht auf vielen Pilgerwegen als Grundfrage mit: Worum geht es in meinem Leben? Was ist das wirklich Wesentliche? 
  • Pilgerinnen und Pilger erfahren Stärkung durch die heilsamen Aspekte der Natur, der sie auf ihren Wegen ganz direkt ausgesetzt sind. Sie lassen sich hineinnehmen in die Weite der Landschaften, die sie durchgehen und machen beglückende Erfahrungen von Hilfe und Gastfreundschaft.
  • Auf Pilgerwegen tritt unsere innere Sehnsucht nach Ganzwerden, nach sinnerfülltem, gelingendem Leben oft in einer ganz neuen Klarheit hervor, sodass wir stets als Veränderte in unseren Alltag zurückkehren.